Wie erkennen wir Gott?
John Wesley war überzeugt, dass der lebendige Kern des christlichen Glaubens in der Bibel offenbart, von der Tradition erhellt, in persönlicher Erfahrung zum Leben erweckt und mit Hilfe des Verstandes gefestigt wird.
1. Bibel
Die Bibel hat den Vorrang, da sie das Wort Gottes offenbart. Wir teilen mit anderen Christen die Überzeugung, dass die Bibel als Quelle und Maßstab für christliches Lehren Vorrang hat. Durch die Bibel begegnet uns der lebendige Christus in der Erfahrung der erlösenden Gnade. Wir sind überzeugt, dass Jesus Christus das lebendige Wort Gottes mitten unter uns ist, dem wir im Leben und im Sterben vertrauen. Die vom Heiligen Geist erleuchteten biblischen Schreiber bezeugen, dass in Christus die Welt mit Gott versöhnt ist. Die Bibel bezeugt ihrerseits zuverlässig Gottes Selbsterschließung in Leben, Tod und Auferweckung Jesu Christi, aber auch in seinem Schöpferhandeln, im Pilgerweg des Volkes Israel und im Weiterwirken des Heiligen Geistes in der menschlichen Ge schichte. Indem wir Herz und Sinn für das Wort Gottes öffnen, das durch menschliche, vom Heiligen Geist inspirierte Worte zu uns kommt, entsteht und wächst unser Glaube, vertieft sich unser Verstehen und treten die Möglichkeiten für die Umgestaltung der Welt in unseren Blick.
Obgleich wir uns zum Vorrang der Bibel in unserem theologischen Nachdenken bekennen, werden unsere Versuche, Ihren Bedeutungsgehalt zu erfassen, immer die Tradition, die Erfahrung und die Vernunft mit einbeziehen. Wie die Bibel können auch diese als kreative Werkzeuge des Heiligen Geistes innerhalb der Kirche wirksam werden. Sie beleben unseren Glauben, öffnen uns die Augen für das Wunder der Liebe Gottes und erhellen unser Verstehen.
Indem wir das wesleyanische Erbe mit seiner Verwurzelung in der katholischen und reformatorischen Wesensart der englischen Christenheit bedenken, werden wir dazu angeleitet, diese drei Quellen bewusst zu gebrauchen, wenn wir die Bibel auslegen und Glaubensaussagen formulieren, die im Zeugnis der Bibel begründet sind. Diese Quellen sind, zusammen mit der Bibel, unerlässlich für die Ausführung unseres theologischen Auftrags.
Das enge Beziehungsgeflecht von Tradition, Erfahrung und Vernunft taucht schon in der Bibel selbst auf. Die Schrift bezeugt eine Vielfalt verschiedener Traditionen, von denen einige Spannungen in der Auslegung innerhalb des frühen jüdisch-christlichen Erbes erkennen lassen. Diese Traditionen sind jedoch in der Bibel so miteinander verwoben, dass die grundlegende Einheit von Gottes Offenbarung zum Ausdruck kommt, wie sie von Menschen in der Verschiedenheit ihres eigenen Lebens empfangen und erfahren wurde.
2. Tradition
Die theologische Aufgabe beginnt nicht in jedem Zeitalter oder mit jedem Menschen von neuem. Das Christentum springt nicht vom Neuen Testament in die Gegenwart, so als ob von der großen „Wolke von Zeugen“ dazwischendrin nichts zu lernen wäre. Jahrhundertelang haben Christen versucht, die Wahrheit des Evangeliums für ihre Zeit auszulegen. Bei diesen Bemühungen hat die Tradition im doppelten Sinn von Überlieferung als Prozess und als Inhalt eine wichtige Rolle gespielt. Das Weitergeben und Annehmen des Evangeliums durch Menschen in verschiedenen Regionen und Generationen bildet ein dynamisches Element in der christlichen Geschichte.
Die Geschichte der Kirche spiegelt die ganz grundlegende Bedeutung der Tradition, das andauernde Handeln des Geistes Gottes, der menschliches Leben verwandelt. Die Tradition ist die Geschichte der fortlaufenden Umhüllung durch die Gnade, in der und durch die alle Christen leben: Gottes hingebende Liebe in Jesus Christus. So verstanden ist Tradition mehr als die Geschichte von Einzelüberlieferungen.
Die vielfältigen Traditionen stellen eine reichhaltige Quelle für die theologische Überlegung und Gestaltung zur Verfügung. Für uns Methodisten haben verschiedene Überlieferungsstränge eine besondere Bedeutung, weil sie die geschichtliche Begründung unseres Lehrerbes und der besonderen Gestalt unseres gemeinschaftlichen Lebens enthalten.
3. Erfahrung
Unser theologischer Auftrag lässt uns der Praxis Wesleys folgen, persönliche und gemeinschaftliche Erfahrung daraufhin zu überprüfen, ob sie die Wirklichkeit der Gnade Gottes bestätigt, wie sie in der Schrift bezeugt ist. Unsere Erfahrung steht in einer Wechselbeziehung mit der Bibel Wir lesen die Bibel im Licht der Bedingungen und Ereignisse, die uns helfen zu werden, wer wir sind, und wir deuten unsere Erfahrungen mit Hilfe von biblischen Aussagen. Alle Glaubenserfahrungen beeinflussen allgemein menschliche Erfahrungen; alle menschlichen Erfahrungen beeinflussen unser Verständnis von Glaubenserfahrungen.
Auf der persönlichen Ebene bedeutet Erfahrung für den Einzelnen, was Tradition für die Kirche bedeutet: sie ist die persönliche Aneignung von Gottes vergebender und stärkender Gnade. Die Erfahrung beglaubigt in unserem Leben die Wahrheit, wie sie in der Bibel offenbart und durch die Tradition beleuchtet wird. So werden wir befähigt, das christliche Zeugnis als unser eigenes in Anspruch zu nehmen.
Obwohl zutiefst persönlicher Natur, ist christliche Erfahrung doch auch gemeinschaftsbezogen. Unser theologischer Auftrag wird auch durch die Erfahrung der Kirche und durch die allgemein menschliche Erfahrung bestimmt. In unserem Bemühen, die biblische Botschaft zu verstehen, nehmen wir wahr, dass Gottes Geschenk seiner befreienden Liebe die gesamte Schöpfung einschließt.
Einige Aspekte menschlicher Erfahrung stellen unser theologisches Verstehen auf eine harte Probe. Viele Glieder des Volkes Gottes leben unter Terror, Hunger, Einsamkeit und Erniedrigung. Alltägliche Erfahrungen von Geburt und Tod, Wachsen und Leben in der geschaffenen Welt sowie das Wachsein für größere soziale Zusammenhänge sind auch in ernsthafte theologische Überlegungen einzubeziehen. Indem uns diese Erfahrungen neu bewusst werden, lernen wir, uns die Wahrheiten der Bibel besser anzueignen und die gute Nachricht von der Herrschaft Gottes besser zu würdigen.
4. Vernunft
Wir erkennen, dass Gottes Offenbarung und unsere Erfahrungen der Gnade Gottes ständig das Vermögen menschlichen Redens und Denkens übersteigen, doch meinen wir auch, dass jede gründliche theologische Arbeit den sorgfältigen Einsatz der Vernunft erfordert. Denkend lesen wir die Bibel und legen sie aus. Denkend stellen wir Glaubensfragen und versuchen, Gottes Handeln und seinen Willen zu verstehen. Denkend fügen wir die Einsichten zusammen, die unser Zeugnis ausmachen, und geben sie zusammenhängend wieder. Mit Hilfe der Vernunft prüfen wir die Übereinstimmung unseres Zeugnisses mit der biblischen Botschaft und den Überlieferungen, die uns dieses Zeugnis vermittelt haben. Wir setzen unser Denkvermögen ein, um unser Zeugnis auf die ganze Weite menschlicher Kenntnisse, Erfahrungen und Dienste zu beziehen. Weil alle Wahrheit von Gott kommt, sind die Bemühungen, die Beziehungen zwischen Offenbarung und Vernunft, Glaube und Wissenschaft, Gnade und Natur wahrzunehmen, nützlich, um glaubhafte und mittelbare Lehre zu entwickeln.
In der theologischen Reflexion sind die Mittel der Tradition, der Erfahrung und der Vernunft wesentlich für unser Bibelstudium, ohne dass sie den Vorrang der Bibel für Glauben und Leben in Frage stellen. Diese vier Quellen, die jeweils eigene Beiträge liefern und doch im letzten zusammenwirken, leiten uns als Methodisten bei unserer Suche nach einem lebendigen und angemessenen christlichen Zeugnis.
Quelle:
Walter Klaiber, Manfred Marquardt: Gelebte Gnade. Grundriß einer Theologie der Evangelisch-methodistischen Kirche. Stuttgart 1993.